Artikel 24/01/2024

Craniomandibuläre Dysfunktion - Ein Krankheitsbild, seine Ursachen und Therapiemöglichkeiten

Dr. med. dent. Jan-Willms Harders Zahnarzt
Dr. med. dent. Jan-Willms Harders
Zahnarzt

Es gibt viele Gründe, warum Ihnen das Kiefergelenk plötzlich höllisch wehtut, warum der Mund nur noch unter Knacken und Knirschen auf- und zu geht und damit das Essen und Sprechen zur Qual wird, warum Sie keinen Schlaf finden und jeden Morgen mit Muskelkater im Gesicht, einen steifen Nacken und verspanntem Rücken aufwachen.

Aber es gibt keinen einzigen Grund, das alles zu ertragen und zu hoffen, dass es von selbst wieder vergeht. In diesem Beitrag werden Sie erfahren, was der Grund für ihre Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen sein kann.

70 % der deutschen Bevölkerung leiden an Kopfschmerzen* und 60 % der deutschen Bevölkerung leiden an Rückenschmerzen*. Bei 85-90 % der Rückenschmerzpatienten handelt es sich um unspezifische Rückenschmerzen*, das sind Schmerzen, für die keine Ursache gefunden werden konnte.

Es mehren sich die Hinweise, dass es Zusammenhänge zur Craniomandibulären Dysfunktion (CMD) gibt und epidemiologische Daten belegen klinische Anzeichen von CMD bei bis zu 75 % der Bevölkerung. CMD kann alle Altersgruppen und Geschlechter betreffen. Bei der Untersuchung und Behandlung chronischer Schmerzpatienten in meiner Praxis diagnostiziere ich deutliche Hinweise darauf, dass über 90 % von ihnen Merkmale und Symptome einer CMD aufweisen.

(* Quelle Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2021)

Ein Tortendiagram in dem die Rückenschmerzen in Deutschland im Jahr 2016 angegeben werden. daraus hervorgehend ist, dass 52 % der Deutschen immer wieder Rückenschmerzen haben.

Rückenschmerzen sind der häufigste Grund für Krankmeldungen in Deutschland. Dabei dürfte der Zusammenhang zu einer CMD eine nicht unerhebliche Bedeutung haben.

Was ist eine Craniomandibuläre Dysfunktion oder CMD?

Die Abkürzung steht für Cranio = Schädel, Mandibula = Unterkiefer und Dysfunktion = Funktionsstörung. Gemeint ist damit eine Erkrankung des Kiefergelenkes durch Fehlbelastung, häufig einer Kompression des Kiefergelenkes. Diese kann sehr viele unterschiedliche Ursachen haben und mit einseitig zu hohem oder niedrigem Zahnersatz, einem Fehlbiss oder einer Störung der Biomechanik des Kausystems zusammenhängen. Die Ursachen sind korrigierbar.

Aber ohne die Krafteinwirkung der Kaumuskulatur, die zu den stärksten Muskeln im Körper zählen, wäre das Problem nur halb so schlimm. Wird die Muskelbelastung durch Stress erhöht, kann das ganze System schnell in einen akuten und bei längerer Belastungsphase in einen chronischen Schmerzzustand abkippen.

Die Ursachen für erhöhten Muskelstress sind vielfältig und reichen von emotionalem Stress oder Arbeitsstress über Erkrankungen bis hin zu oxidativem und nitrosativem Stress. Stress kann also nicht nur mental, sondern auch biochemisch durch Umweltfaktoren verursacht sein.

Haben Sie eine CMD?

Möchten Sie wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass Sie an einer CMD leiden? Dieser Fragebogen gibt Ihnen eine erste Orientierung. Eine eindeutige Diagnose ist selbstverständlich nur nach einer fachzahnärztlichen Untersuchung möglich.

  • Knirschen oder pressen Sie mit den Zähnen bei Stress oder nachts?
  • Leiden Sie unter Zahnempfindlichkeiten?
  • Haben Sie eine schmerzhafte Kaumuskulatur?
  • Haben Sie häufig Kopfschmerzen oder Migräne?
  • Knirschen oder knacken Ihre Kiefergelenke beim Kauen oder Gähnen?
  • Schmerzen Ihre Kiefergelenke?
  • Haben Sie Ohrgeräusche, Tinnitus oder Schmerzen im Ohrbereich?
  • Leiden Sie unter chronischen Verspannungen oder Schmerzen im Hals, Nacken oder den Schultern?
  • Haben Sie Rückenschmerzen oder Blockaden im Kreuzdarmbeingelenk (ISG)?
  • Ist Ihre Unterkieferbeweglichkeit oder Mundöffnung eingeschränkt? Ist z. B. nur einseitiges Kauen möglich?
  • Nehmen Sie regelmäßig Schmerzmittel ein?
  • Können Sie schlecht einschlafen oder durchschlafen?
  • Schnarchen Sie häufig, und wenn ja, ist dies mit Atemaussetzern (Apnoe) verbunden?

Haben Sie gedanklich eine oder mehr Fragen angekreuzt? Dann besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Sie an einer CMD leiden. In diesem Falle sollten Sie unbedingt einen Spezialisten für die Behandlung von CMD aufsuchen.

Ein Mann hält sich mit schmerzerfülltem Gesicht ein Tuch an den Kiefer

Die Therapie der CMD

In der Regel wird eine CMD mit einer mehrmonatigen Schienentherapie behandelt, das ist eine sogenannte Okklusionsschiene aus Acrylat für den Unterkiefer, manchmal auch für den Oberkiefer. Dadurch werden Fehlkontakte auf den Zahnoberflächen, aber auch Fehler in der Biomechanik oder ein Fehlbiss ausgeglichen. Dabei ist es wichtig, dass die Okklusionsschiene regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf auch eingeschliffen wird. Das kann am Anfang der Behandlung durchaus wöchentlich erforderlich sein. Diese wird konsequent mit manueller Therapie oder Osteopathie unterstützt.

Auch Akupunktur und Neuraltherapie können als erste Behandlungsmaßnahmen sehr hilfreich sein, um die Symptome einer CMD zu entschärfen und um eine Schmerzreduktion ganz ohne Schmerzmittel zu erzielen.

Aber nicht in allen Fällen führt die Behandlung mittels Okklusionsschiene und Begleittherapie durch den Physiotherapeuten zum Erfolg. Nämlich dann nicht, wenn trotz perfekt eingestellter Okklusionsschiene und intensiver Physiotherapie die Beschwerden verbleiben.

Denn aus einem akuten Schmerz wird nach mehreren Monaten ein chronischer Schmerz und dem ist mit schulzahnmedizinischen Methoden häufig schlecht beizukommen. Bekannt ist dieses Phänomen z. B. bei Narben, die trotz vollständiger Heilung bei bestimmten Reizen einen sogenannten Phantomschmerz aufweisen können. Man könnte hier auch von einem neurologisch gespeicherten Trauma sprechen.

Ähnlich verhält es sich mit den Kiefergelenken, die bei dauerhafter Überlastung oder Kompression chronifizierte Schmerzen verursachen und bindegewebig vernarben können bzw. ein neurologisches Trauma entwickeln. Wird diese Information als traumatische Erinnerung im Nervensystem gespeichert, kann sie im Mund durch Kauen, Schlucken oder Stressbelastungen aktiviert werden. Diese können sowohl im Nah- als auch im Fernbereich Beschwerden auslösen – also mitunter an einer ganz anderen Körperstelle. Ein besonderes Augenmerk sollte also auf die neurologische Entstörung der Kiefergelenke und seiner angrenzenden Strukturen am Kopf gelegt werden.

Das macht es für herkömmliche medizinische Herangehensweisen so schwierig, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu erkennen.

Die neuromuskuläre Funktionsdiagnostik der Applied Kinesiology bietet jedoch Möglichkeiten, diese neurologischen Erinnerungsmuster aufzudecken und zu behandeln. Das klingt nach Wunderheilung – ist aber nur Diagnostik und Therapie auf neurophysiologischer Grundlage. Die allerdings Wunder wirken kann.

Mit einer multimodalen Betrachtungs- und Herangehensweise kann es gelingen, die CMD dauerhaft und auch ganzheitlich und erfolgreich zu behandeln. Denn Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen sind kein Schicksal und die Erfolgsaussichten sind bei einer ursächlichen CMD als gut bis sehr gut zu bezeichnen.

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